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Abschlussrede von Megan Schuster zum Schulabschluss nach 10 Jahren Laborschule

Liebe Lehrer, Liebe Eltern, Liebe Mitschüler und Freunde,

Wir haben es geschafft.
Wir haben alle bestanden.

Wir sind eine weitere Klasse, die heute voller Stolz verkünden kann, ihren Abschluss geschafft zu haben.
Eine weitere Klasse, die einen Meilenstein in ihrer Schullaufbahn hinter sich gebracht hat.
Eine weitere Klasse, die heute auf einer Bühne steht und ihr Zeugnis überreicht bekommt.
Eine weitere Klasse, die sich verbissen durch ihre Prüfungen gekämpft und sich Wissen angeeignet hat, das später niemanden mehr interessiert.
Eine weitere Klasse, die geweint, gelacht und geschrien hat.
Eine weitere Klasse, die sich in den Arm nahm, sich beglückwünschte, sich tröstete.

Und nächstes Jahr wird wieder eine Klasse auf dieser Bühne stehen.
Es wird wieder eine Rede geben und die stolz lächelnden Jugendlichen werden ihre Zertifikate überreicht bekommen.
Es wird sich über die alten Zeiten ausgetauscht werden, sich verabschiedet und treue Schwüre geleistet.
Freundschaften werden beteuert und in die Brüche gehen.
Und das Jahr darauf?
Werden hier wieder Jugendliche stehen und  das Ganze wird wieder passieren.

Und in zehn Jahren?
Werden wir uns vielleicht wieder sehen, über die Fotos von heute lachen und über die Lehrer von damals lästern.
Wir werden stolz und verlegen zeigen, was aus uns geworden ist, ehemalige Meinungen von damals revidieren und vielleicht erkennen das der ein oder andere doch nicht so blöd ist, wie einst angenommen.
Wir werden Erinnerungen wiederbeleben und neue schaffen.
Wir werden alte Freunde nicht wieder erkennen und neue Freunde in anderen finden.

Und unseren Abschluss?
Den wird keinen mehr interessieren
Das, wofür wir heute hier oben stehen und gefeiert werden, wird in zehn Jahren nichts weiter mehr sein, als ein Blatt in einer längst geschlossenen Akte.
Es wird niemanden mehr interessieren, ob wir unseren Abschluss mit einem Einser Schnitt geschafft haben oder ihn gerade so bestanden haben.
Es wird niemanden interessieren, ob wir uns durch die Prüfungen gequält haben oder sie mit einem Schulterzucken erledigt haben.
Es wird niemanden mehr interessieren, ob wir diesen Abschluss an unserer Schule gemacht haben oder an einer anderen.
Es wird niemanden mehr interessieren, ob wir die obligatorischen fünf Prüfungen machen mussten oder mehr.

Und wissen Sie was? Das ist auch gut so.
Schließlich wird in zehn Jahren niemand unseren Abschluss einstellen, sondern uns.
Uns werden die Rekruten sehen und fragen, was wir in unseren Leben noch erreichen wollen.
Uns wird man Aufgaben stellen, an denen wir wachsen können und zeigen, was in uns steckt.
Uns wird man loben und kritisieren.
Uns wird man Dinge erklären, beibringen und zeigen.
Nicht unserem Abschluss.

Für diesen Abschluss wurden uns nicht gerade die besten Karten in die Hand gegeben.
An einer vollkommen fremden Schule geprüft zu werden, von Lehrern die man noch nie im Leben gesehen hat und mit einer fast doppelten Anzahl von Prüfungen.
Anstatt in seinen Leistungsstarken Fächern abgefragt zu werden, wurde von uns die ganze Bandbreite verlangt.
Von Mathematik bis Chemie, neun Prüfungen in einer verhältnismäßigen kurzen Zeit.

Natürlich ist so etwas nicht okay und ich wünsche allen nachfolgenden Klassen, dass sie so etwas nicht erleben müssen. Aber es hat uns auch irgendwie weiter gebracht.
Mit diesen vielen Prüfungen hat uns die Laborschule ungewollt geformt. 
Unseren Kampfgeist geweckt.
Reserven in uns sichtbar gemacht von denen wir gar nichts wussten.
An uns selbst  glauben und zweifeln lassen.
Wie alle die Jahre schon zuvor.

Beim Tag der offenen Tür, bemerkte ich einmal ein Gespräch zwischen einem Grundschüler und einer fremden Frau. Die Frau fragte das Kind, was denn das Besondere an dieser Schule sei und das Kind antwortete: „Wir.“
Jetzt, nach zehn Jahren Laborschule, kann ich diesem Kind nur zustimmen.
Auch wenn diese Schule momentan nicht ideal ist, um seinen Abschluss zu machen oder sein Kind zum Oberflieger mutieren zu lassen, so ist sie doch so viel mehr.

Denn hier wird man nicht zum Schüler erzogen, sondern zum Menschen.
Zu einem Menschen, der sich eine eigene Meinung bilden kann.
Zu einem Menschen, der sich um andere sorgt und kümmert.
Zu einem Menschen, der für sich und andere eintritt.
Zu einem Menschen, der sich Ziele stecken kann und sie auch verfolgt.
Zu einem Menschen, der zuhören kann und versteht.
Zu einem Menschen, der seine Stärken und Schwächen kennt und akzeptiert.

Und gerade jetzt, zu einer Zeit, in der das Mensch sein immer wieder in Vergessenheit gerät, zu wenig Leute sich für andere einsetzen und die eigene Meinung von vielen nicht in Anspruch genommen wird, weil es leichter ist, sich hinter der Meinung anderer zu verstecken, ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die das nicht tun.
Dass es Menschen gibt, die sich über die Norm hinweg setzen.
Dass es Menschen gibt, die sich einmischen um etwas zu verändern

Danke Laborschule, dass du uns zu solchen Menschen gemacht hast.


Megan Schuster